NFAS – die gemeinsame digitale Verbindungsschicht zwischen 112, 116 117 und Rettungsdienst

NFAS verbindet 112, 116 117 und Rettungsdienst als gemeinsame digitale Verbindungsschicht (Overlay) über den bestehenden Einsatzleitsystemen, ohne tiefgreifende Anpassungen der bestehenden Einsatzleitsysteme.

Was NFAS ist

Das Notfall-Assistenzsystem (NFAS) ist ein digitales Gesamtsystem zur Unterstützung von Notrufen sowie Notfall- und Akutanfragen. Es verbindet drei Seiten. Über das NFAS-Bürgerportal – im Browser oder als App, mit und ohne Registrierung – übermitteln Hilfesuchende Standort, Beschwerden, Text und Video. In der Integrierten Leitstelle laufen diese Angaben im browserbasierten NFAS-Dashboard mit vorhandenen Notfalldaten zusammen und erweitern die Entscheidungsgrundlage der Disponenten. Das Einsatzleitsystem bleibt dabei das führende System und erhält die erforderlichen Informationen strukturiert. Als Verbindungsschicht gibt NFAS den Fall mit allen Daten zwischen 112, 116 117 und weiteren Partnern weiter. NFAS ersetzt weder Einsatzleitsysteme noch die medizinische Ersteinschätzung, sondern verbindet sie.

Für Integrierte Leitstellen

Für die Disponenten ändert sich der gewohnte Arbeitsplatz nicht grundlegend. Die NFAS-Funktionen stehen in einem browserbasierten Dashboard neben dem Einsatzleitsystem zur Verfügung, ohne zusätzliche Software am Arbeitsplatz und ohne Eingriff in das Einsatzleitsystem. Ein Browserfenster, etwa auf einem zweiten Bildschirm, genügt. Aus dem Dashboard versendet die Leitstelle den Notfall-Link per SMS an den Anrufer, danach laufen dort Standort, strukturierte Angaben, Leitsymptome, Text und Echtzeittext, Bild und Video sowie bei registrierten Nutzern der vorhandene Notfalldatensatz zusammen. Die bestehende Telefonie bleibt unverändert. Fällt der digitale Kanal aus, wird der Vorgang wie heute rein telefonisch bearbeitet, der digitale Weg liegt nie im kritischen Pfad. Der Ansatz ist leitstellenübergreifend einheitlich, kurzfristig schulbar und unabhängig vom Hersteller des Einsatzleitsystems nutzbar. Über standardisierte, UCRI-orientierte Schnittstellen bleibt eine schrittweise tiefere Integration in das jeweilige Einsatzleitsystem möglich, wo Träger und Hersteller das wünschen.

Für Kassenärztliche Vereinigungen und Kostenträger

Bei einer Übergabe von der 112 an die Akutfunktion baut die Kassenärztliche Vereinigung auf bereits erhobenen Informationen auf, statt den Fall erneut zu erheben. Übergeben werden der Notfalldatensatz, die Leitsymptome, das Ergebnis der bisherigen strukturierten Abfrage, die Dringlichkeit sowie Bild- und Videoinformationen und der Übergabegrund. Die aufnehmende Stelle bestätigt die Annahme als Rückmeldung im gemeinsamen Vorgang, damit ist die Übergabe abgeschlossen und die Integrierte Leitstelle entlastet. Die weitere Versorgung liegt dann in der Verantwortung der aufnehmenden Stelle und bleibt im Fall nachvollziehbar. In der Gegenrichtung gilt dasselbe: Erkennt die Akutfunktion Red Flags oder einen medizinischen Notfall, wird der Fall mit allen bereits erhobenen Daten an die zuständige Integrierte Leitstelle übergeben, statt den Anrufer aufzufordern, selbst erneut die 112 zu wählen. Für Kostenträger liegt der Nutzen in der besseren Steuerung: Ressourcen, die heute durch Einsätze gebunden werden, bei denen sich erst vor Ort herausstellt, dass keine Notfallrettung erforderlich ist, lassen sich früher in eine sachgerechte Zuordnung investieren.

Für Bürger

NFAS macht den Notruf einfacher und schneller. Wer Hilfe braucht, muss im Notfall weniger erklären und wichtige Informationen nicht erst suchen. Standort, aktuelle Situation und vorhandene Notfalldaten stehen der Leitstelle direkt zur Verfügung. Die Leitstelle kann die Lage schneller einschätzen und die passende Hilfe gezielter auf den Weg bringen – ein Zeitgewinn, der besonders bei lebensbedrohlichen Notfällen zählt.

Im akuten Fall genügt der Notfall-Link, den die Leitstelle per SMS versendet. Er funktioniert direkt im Browser, ohne Installation und ohne Anmeldung. Damit lassen sich Beschwerden und Leitsymptome, Angaben zum Ereignis, der Standort sowie Bilder und Video übermitteln, und die Leitstelle kann per Chat Rückfragen stellen und Hinweise geben. Das NFAS-Bürgerportal ist darüber hinaus im Browser oder als App nutzbar, mit und ohne Registrierung. Wer sich registriert, hinterlegt freiwillig und mit ausdrücklicher Einwilligung einen Notfalldatensatz mit Vorerkrankungen, Medikamenten, Allergien, besonderen Risiken, Kommunikationsbesonderheiten und Kontaktpersonen. Als Zielbild können Angaben aus der elektronischen Patientenakte mit Einwilligung des Nutzers in diesen Notfalldatensatz übernommen werden. Ein Zugriff der Leitstelle auf die elektronische Patientenakte ist dafür weder vorgesehen noch erforderlich.

Barrierefreiheit ist dabei keine Zusatzfunktion, sondern Teil der Architektur. NFAS führt Sprache, Text und Echtzeittext, strukturierte Dateneingabe, Piktogramme, Bild und Video auf einer gemeinsamen Ebene zusammen. Wer nicht oder nur eingeschränkt hören oder sprechen kann, erreicht die 112 auf demselben Weg wie andere Menschen. Mehrsprachige Oberflächen und Übersetzungsfunktionen verringern Verständigungsbarrieren zusätzlich, was auch Reisenden aus anderen Ländern zugutekommt.

Für den Rettungsdienst

Der Fall endet nicht in der Leitstelle. Was dort zusammenläuft – Standort, Leitsymptome, das Ergebnis der strukturierten Abfrage, der Notfalldatensatz mit Vorerkrankungen und Medikation, Bilder und Video vom Ort des Geschehens –, kann die Leitstelle an das eingesetzte Rettungsmittel weitergeben, bevor es eintrifft. Die Besatzung sieht auf der Anfahrt, was sie erwartet, und muss vor Ort nicht erneut nach Vorerkrankungen und Medikamenten fragen. Ruft nicht der Patient selbst, sondern ein Ersthelfer an, funktioniert der Notfall-Link auf dessen Telefon: Er zeigt der Leitstelle den genauen Standort und die Lage vor Ort und hält den Kontakt per Chat und Video, bis der Rettungsdienst da ist. Nach dem Einsatz können die Angaben aus dem Fall die Dokumentation und die Übergabe an die Notaufnahme stützen.

Sicherheit und Betrieb

NFAS ist transportneutral, also TI-fähig, aber nicht TI-abhängig. Das System setzt keine bestehende Anbindung der Integrierten Leitstellen an die Telematikinfrastruktur voraus und ist an keinen bestimmten Übertragungsweg gebunden. Wo der Gesetzentwurf Dienste der Telematikinfrastruktur vorschreibt, nutzt NFAS diese Dienste, sobald sie flächendeckend zur Verfügung stehen. Der Bürgerkanal liegt außerhalb der Telematikinfrastruktur, weil Bürger keine Teilnehmer der Telematikinfrastruktur sind.

Alle Daten werden in der Übertragung und in der Speicherung verschlüsselt. Die Schlüsselverwaltung erfolgt in einem Key-Management-System mit Hardware-Sicherheitsmodul (HSM) und Vier-Augen-Prinzip für die Schlüsseladministration, getrennt vom laufenden Betrieb. Die Schlüsselhoheit liegt bei NPI und nicht beim Rechenzentrumsbetreiber. Der Betrieb ist in BSI-C5-testierten Rechenzentren in Deutschland vorgesehen, im Pilotbetrieb in einem dieser Rechenzentren. Eine Datenschutz-Folgenabschätzung nach Artikel 35 DSGVO liegt vor.

Stand der Entwicklung

NFAS ist kein Konzept auf dem Papier. Das System liegt als funktionsfähiger Demonstrator vor. Die Fallbearbeitung im browserbasierten Dashboard mit Notfall-Link, Notfalldatensatz, strukturierten Leitsymptomen, Chat, Standort, Foto und Videotelefonie ist implementiert. Der Demonstrator läuft auf einem Server in Deutschland und arbeitet ohne Echtdaten.